Kurzgeschichte Ayleen und Cayem

Im Rahmen der Zeilengold Verlag Aktion "Ein Jahr - Ein Verlag", habe ich diesbezüglich beschlossen, euch zu "Tränen der Göttin", kleine, neue Kurzgeschichten zu schreiben, wovon ihr im September, Oktober und im Dezember jeweils eine neue davon lesen könnt :)

 

Hier ist die Zweite; viel Spaß damit.

 

(Und an dieser Stelle vielen lieben Dank an meine Testleserinnen, die die Geschichte für gut befunden haben <3)

 

 

»Was ist, wenn ich mich weigere?«

Seine Worte holten sie aus der tiefen Meditation hervor und Ayleen öffnete ihre hellgrünen Augen. Sie blickte Cayem an, der mit verschränkten Armen vor der Brust im Türrahmen stand und sie böse anfunkelte.

»Bitte?«, fragte die Priesterin nach und runzelte die Stirn. 

»Was ist, wenn ich bei der Auswahl nicht teilnehmen möchte?«

Sie seufzte tief und fasste sich an den Kopf. 

»Cayem. Wir haben darüber diskutiert. Alle Priesteranwärter zwischen vierzehn und achtzehn müssen an der Auswahl teilnehmen. Es ist Tradition. Du weißt, alle hundert Jahren ist es dasselbe Spiel. Und du wirst dabei mitmachen. Du solltest es als Ehre empfinden.«

»Ehre?«, er sprach das Wort aus, als wäre es Gift und verzog das Gesicht zu einer säuerlichen Grimasse. 

»Ich halte nichts von Ehre und Regeln. Ich werde Hohepriesterin Inei bitten, für mich die herkömmliche Prüfung stattfinden zu lassen. Ein Priester mehr oder weniger, was macht das schon in der Auswahl?«

»Du musst daran teilnehmen. Du kannst bitten und betteln was du willst, Inei wird nicht nachgeben. Schon vor allem nicht bei dir.«

Sie stand auf, ging auf ihn zu. Cayem beobachtete sie. »Ich kenne dich, Bruder. Ich weiß genau, warum du dich weigerst. Du willst nicht mit Semar in der Auswahl stehen, richtig?« 

Hastig wandte er den Blick ab. 

»Das ist ... nicht wahr!«, log er und Ayleen verkniff sich das Grinsen nicht. 

»Hast du Angst, dass du gegen deinen Freund verlierst?«

»Verlieren? Jetzt hör aber auf! Ich will ja nicht mal gewinnen.« Er lachte abfällig. »Der Aufpasser für die nächste Berührte zu sein, ist genau das, was ich unbedingt sein möchte, – nämlich nicht!«

»Wieso sträubst du dich dann dagegen?« 

Sie stand direkt vor ihm und beäugte ihn aufmerksam. 

»Weil ...«, er brach ab und seine Wangen brannten vor Scham.

»Cayem – egal was passiert, du und Semar ihr bleibt weiterhin Freunde, ja? Was das Heilige Los entscheidet, hat keine Auswirkung auf eure Freundschaft. Nichts wird sich ändern.«

Als sie das sagte, versuchte sie ein beruhigendes Lächeln aufzusetzen. Doch tief in ihr drinnen spürte sie es, die eiskalte Klaue, die ihr Herz zusammendrückte.

LÜGE!

Cayem erhob den Blick und ein scheuer Ausdruck trat in seinen Augen. 

»Wirklich?«

»Ja. Aber natürlich. Du kannst mir vertrauen, Cayem. Und jetzt hab keine Angst – morgen um die Zeit ist alles vorbei.«

Sie strich ihm einige Strähnen aus dem Gesicht und zwinkerte ihm zu. 

»Ich wusste ja gar nicht, dass du so sehr an der Freundschaft zwischen dir und Semar hängst.«

Er stöhnte wütend auf und riss sich von ihr los. 

»Ach! Du spinnst doch! Ich mag ihn nur, weil er der Einzige hier ist, der halbwegs normal ist.«

»Ja. Ist schon gut«, neckte ihn seine ältere Schwester und Cayem verzog sich nörgeln. Er musste in der Bibliothek noch etwas für den Unterricht recherchieren.

Als die Priesterin wieder alleine war, veränderte sich ihre Miene. Sie seufzte tief und ließ sich mit den Rücken gegen die Wand fallen.

»Ich hoffe, du verzeihst mir eines Tages, Cayem.«