Kurzgeschichte Semar und Cayem

Im Rahmen der Zeilengold Verlag Aktion "Ein Jahr - Ein Verlag", habe ich diesbezüglich beschlossen, euch zu "Tränen der Göttin", kleine, neue Kurzgeschichten zu schreiben, wovon ihr im September, Oktober und im Dezember jeweils eine neue davon lesen könnt :)

 

Hier ist die Erste; viel Spaß damit.

 

(Und an dieser Stelle vielen lieben Dank an meine Testleserinnen, die die Geschichte für gut befunden haben <3)

Obwohl ihm nicht kalt war, zitterte er am ganzen Leib. Sein inneres Feuer erwärmte ihn. Doch die fremde, helle Umgebung machte ihm Angst und ließ jeden seiner Muskeln erzittern. Seine grauschwarzen Augen huschten unruhig hin und her und bei sämtlichen, lauten Geräuschen zuckte er zusammen.

Seit einigen Wochen war er hier in Lýdris, doch es gab nichts, was ihm ein Gefühl von Zuhause schenken konnte. Seine richtige Heimstatt gab es nicht mehr. Er hatte sie zerstört und damit auch einen Teil seiner Familie getötet. Seine Eltern würden ihn niemals wieder zu sich aufnehmen. 

»Da bist du ja.«

Es war die raue Stimme von Ayleen. Die rothaarige Priesterin, die ihn aus den Flammen gerettet hatte. Lag dies wirklich schon zwei Monate zurück?

»Na? Was tust du hier?«, fragte diese ihn freundlich und beugte sich leicht zu ihm runter. Ihre grünen Augen leuchteten. Er biss sich auf die Unterlippe. 

»Ich ...«, stammelte er, doch die Frau unterbrach ihn. »Komm, ich möchte dir jemanden vorstellen.« 

Sie ergriff seine Hand und er ließ sich von ihr mitziehen. Nur wenige kreuzten ihren Weg und die Priesterin versuchte immer wieder, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, doch er schwieg beharrlich. 

Sie gingen hinaus, in den Wald, über die Zugbrücke des Palastes bis hin zum Ufer des Sees, der das prachtvolle Gebäude umgab. 

Dort saß jemand. Ein Junge, mit schwarzen, zerzausten Haaren und grünbraunen Augen, der die beiden aufmerksam musterte. 

»Das ist mein Bruder, Cayem«, stellte Ayleen das andere Kind vor und lächelte. 

»Und das hier ist Semar.« 

Sie schob den Jungen, den sie an der Hand hielt vor sich und deutete auf ihren Bruder. 

Die beiden Kinder beobachteten sich misstrauisch. 

»Hallo«, würgte Cayem hervor und versuchte halbwegs dabei zu lächeln, wobei Semar ihm ansahen, dass ihm die Begegnung nicht behagte. Genauso wie ihm.

»Da ihr beide im gleichen Alter seid und ihr außerdem gemeinsam die Ausbildung zum Priester beginnen werdet, dachte ich, ihr solltet euch vorher schon einmal kennenlernen.« 

»Ich will kein Priester werden!«, entfuhr es sofort aus Cayems Mund und Semar zuckte anhand der Schärfe der Worte zusammen. »Du zwingst mich dazu!«

»Das tue ich nicht! Außerdem weißt du selbst, dass du keine andere Wahl, außer dieser hast! Willst du in der Gosse enden?«

»Nein«, knurrte der Bruder und machte ein verächtliches Geräusch. 

Ayleen gab Semar einen Schubs und die beiden Jungen standen sich jetzt direkt gegenüber. 

»Wieso bist du so blass?«, fragte Cayem ungeniert und seine Augen durchbohrten Semar.

»Ich bin ein Fae. Ich bin immer ... blass«, gestand Semar und der Dunkelhaarige runzelte die Stirn.

»Fae. Tzz. Hältst dich sicherlich für was Besseres, ja?«

»Nein! Tue ich nicht!«, ereiferte sich Semar und schnaubte wütend. Das Feuer in ihm begann zu lodern.

Cayem lachte kurz auf. »Das war doch nur ein Scherz! Nimmst du immer gleich alles persönlich?«

Ein Grinsen schlich sich auf Cayems Züge. »Es tut mir leid, aber ich bin mit Worten immer recht deutlich. Nimm mir das nicht übel, ja?«

Semar brummte etwas und warf Ayleen einen schiefen Blick zu. Sie deutete ihm an, weiterzumachen.

»Wenn du magst, kann ich dir die Festung zeigen«, schlug er leise vor und Cayem überlegte kurz und nickte.

»Gut. Aber ich warne dich, ich bin schnell.«

Im nächsten Moment löste er sich in schwarzen Rauch auf, nur um plötzlich hinter ihm zu stehen.

Semar zog erschrocken die Luft ein und starrte ihn an.

»Ich kann mich teleportieren. Und du?«

»Feuer«, stammelte der Fae und Cayem runzelte die Stirn.

»Feuer und Schatten passen gut zusammen. Vielleicht können wir ja Freunde werden?«

Cayem streckte ihm die rechte Hand entgegen und Semar ergriff sie zögerlich. Dann spürte er die Dunkelheit, die nach ihm griff.